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Gesellschaft voller Urteile

16. Juli 2017

Ich klicke mich durch meine Facebook Timeline und alles, was ich sehe, sind Urteile. Person X urteilt über eine unbekannte Frau auf einem Bild, Person Y schreibt einen Beitrag über die Verwerflichkeit der Arbeit einer bekannten Bloggerin und Person Z findet die Bloggerkooperationen anderer Blogger scheiße. Dazwischen noch ein paar lustige Quotes und – tatsächlich – Dinge, die mich wirklich bewegen, sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne.

Grundsätzlich würde ich mich selbst als einen sehr reflektierten Menschen einstufen – ich denke viel über mein Verhalten nach, gestehe mir auch Fehler ein und versuche, an mir selbst zu arbeiten. Das beinhaltet beispielsweise auch, dass ich mich bemühe nicht mehr zu lästern oder zumindest zwei Mal über die Dinge nachzudenken, die ich über andere sage. Das hat den einfachen Grund, dass ich glaube, dass es immer zwei Seiten von jeder Geschichte gibt und man oftmals nicht einschätzen kann, was hinter der Art oder dem Verhalten eines Menschen steckt. Klar, das bedeutet nicht, dass ich alles gut heiße, aber zumindest versuche ich mit viel Verständnis in jede Situation zu gehen, vor allem, wenn ich als Einzelperson nur einen sehr subjektiven Eindruck der gesamten Lage bekomme.

Und ja, obwohl ich ein sehr reflektierter Mensch bin, habe ich trotzdem Vorurteile oder bilde mir zu schnell eine oberflächliche Meinung. Das liegt wohl in der Natur des Menschen und hat auch in gewisser Weise etwas mit unserem Urinstinkt zu tun, der uns vor Gefahren schützen soll. Was ich aber in der Hand habe ist, was ich mit dem Vorurteil oder meiner Meinung mache. Ob ich daran festhalte und sogar noch in die Welt hinaus trage, oder ob ich versuche, die Situation oder den Menschen zu verstehen und mir die Zeit nehme, eine objektivere Meinung zu bilden.

Ich weiß nicht, ob vielen Anderen dieses Denken fehlt, aber immer öfters habe ich das Gefühl, dass wir in einer wahnsinnig verurteilenden Gesellschaft leben. Und nicht nur das, nein – Social Media eröffnet uns auch noch die Möglichkeit, unsere wenig durchdachte, oberflächliche Meinung mit hunderten von Menschen zu teilen. Meinungsfreiheit schön und gut, aber mir stellt sich doch die Frage: gibt es keine wichtigeren Dinge, mit denen wir uns beschäftigen können?
Vor kurzem, als ich durch meine Facebook Timeline gescrollt habe, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, welche großen Dinge die Menschen bewegen könnten. Wenn jeder von uns eine Message nach draußen tragen oder sich für wichtige Projekte einsetzen würde, die die Gesellschaft weiterbringt, statt kleinkariert und unreflektiert zu urteilen. Sprechen wir beispielsweise darüber, dass Malta für die „Ehe für alle“ gestimmt hat, statt uns Urteile über Menschen zu bilden, die wir nicht einmal kennen. Oder setzen wir uns für Tierschutz, für den Klimaschutz oder für gemeinnützige Arbeit ein. Oder fangen wir einfach ganz klein ein und freuen uns über positive Dinge, die Leute in unserem Umfeld erleben, statt ständig nur Urteile und negative Stimmung nach draußen zu tragen.

Mit Sicherheit kann ich selbst noch sehr lange und sehr intensiv an meiner eigenen Einstellung arbeiten und werde mich noch hundert Mal selber an der Nase nehmen, weil ich über andere urteile. Aber ist es nicht ein schöner Denkanstoß, wenn man versucht, mehr Verständnis für sein Umfeld aufzubringen? Oder wenn man es bei einem „Okay, ich finde zwar nicht so toll, was du machst oder wie du die Dinge machst, aber es ist deine Sache“ belässt? Wir sind alle mehr oder weniger erwachsen, treffen Entscheidungen basierend auf unseren Erwartungen, unserer Einstellung, unserer Vergangenheit und unseren Zielen und wer, außer wir selbst, kann schon darüber urteilen?

Ich bin vielleicht zu träumerisch, zu idealistisch, zu optimistisch, aber ich glaube, dass wir alle die Welt mit unserem Denken ein bisschen besser machen können und JEDER bei sich selbst anfangen sollte.

   Urteile

12 Comments

  • Reply fashionladyloves 16. Juli 2017 at 21:31

    Ich finde deine Einstellung total toll und wie sind uns da wohl sehr ähnlich.
    In letzter Zeit erschrecke ich auch immer wieder wie es in den sozialen Medium zu geht.
    Das ständige geschimpfe und gerede über andere geht mir schon so extrem auf die Nerven.
    Ich muss zugeben das ich mich aus diesem Grund nicht mehr so häufig auf Facebook aufhalte.
    Zu viel negative Energie… 😉
    Liebste Grüße Tamara

    • Reply Julia Vogel 14. August 2017 at 8:36

      Liebe Tamara, kann ich absolut nachvollziehen! Ich hatte auch eine Zeit lang echt die Nase voll von Social Media und co. und konnte mich nur sehr schwer dazu aufraffen, Teil dieser Welt zu sein, weil es einfach so viel negative Energie hab. Ich habe mich dann aber einfach auf die positiven Seiten konzentriert und versuche, der Negativität keinen Platz zu lassen.
      Liebe Grüße, Julia 🙂

  • Reply Luna 16. Juli 2017 at 21:45

    Ich finde deinen Zugang grundsätzlich gut, dass man sich in erster Linie auf die positiven Dinge, darauf was zum Guten zu verändern zu konzentrieren sollte. Und dennoch braucht es Leute, die aufschreien wenn Dinge falsch laufen (ganz egal ob auf Social Media oder im echten Leben) und das dann auch thematisieren. Da gibt es viele Sachen – von Tierschutz, Feminismus, Verhalten gegenüber Mitmenschen usw. wo es manchmal (konstruktive) Kritik von außen braucht, damit man überhaupt zur Einsicht kommt, dass etwas falsch läuft.
    Gegen generelles Verurteilen bin ich auch. Aber es sollte okay sein, gewisse Entwicklungen nicht für gut zu heißen und das dann auch öffentlich mitzuteilen.

    • Reply Julia Vogel 14. August 2017 at 8:35

      Hey, genau so sehe ich das ja auch! Ich sage ja nicht, dass jeder mundtot gemacht werden soll und schreibe ja sogar, dass man nicht immer alles gutheißen kann. Aber ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen „Dinge ansprechen, die einen betreffen“ und „sinnfrei über andere urteilen“. Mir geht es zu 100% nur um letzteres und ich glaube, das kommt im Beitrag schon auch raus 🙂

  • Reply Hugsy 16. Juli 2017 at 22:28

    Ja, Danke für diese gut formulierten Worte! Großartig!
    Bin völlig bei Dir und stelle mir seit geraumer Zeit vergleichbare Fragen. Seither bewege ich mich Schritt-für-Schritt in eine Richtung, den Fokus auf die positiven Dinge im Leben legend, weg von den negativen Dingen.
    In dieser Zeit habe ich einiges gelernt, u.a. die Auffassung, dass dies mit einem kleinen Anteil an Selbstreflexion leicht machbar ist. Vorurteile erscheinen nicht vermeidbar, die sind aufgrund von Eigenerfahrungen oder vermittelten Fremderfahrungen (kulturell wie gesellschaftlich) ein Teil von uns. Der Umgang mit diesen Vorurteilen, den Begriff Chancengleichheit leben, in Zusammenhang mit respektvollem Umgang wäre ein Wunsch, den ich habe. Dann wäre vieles einfacher, dann wäre auch Luft für ein „konstruktives Feedback“ statt einem negativen Urteil. Letzteres schmerzt mich ebenso, jedes Mal, weil es letztendlich mehr zerstört als unterstützt …
    … und man könnte ewig darüber diskutieren! 😉
    Eines nur zum Abschluss, niemals aufgeben, kleine Schritte im Umfeld und gemeinsam die Welt jeden Moment etwas besser machen. Ich finde gut, was Du machst, einfach weiter so! Danke, alles Gute.

    • Reply Julia Vogel 14. August 2017 at 8:39

      Danke danke, lieber Christoph! Du hast recht, mit kleinen Schritten und Denkanstößen kann man sein Umfeld auf jeden Fall verändern – finde ich einen sehr guten Gedanken 🙂 Liebe Grüße, Julia

  • Reply Angela 16. Juli 2017 at 23:39

    Finde ich witzig, da mir gerade das selbe durch den Kopf geht. Bei Kooperationen bzw. generell sind die meisten schon nahezu darauf programmiert, etwas negatives zu finden und es demjenigen direkt unter die Nase zu reiben. Und sei es auch nur noch so klein oder nebensächlich. Einem gefällt die Türklinke im Hintergrund nicht (michibuchinger), das muss man natürlich gleich in den Kommentaren schreiben. Der Ton ist angeblich nicht gut genug (considercologne), dann natürlich auch. Oder sei es auch das neue Kooperationsthema Backmischung (ellathebee), wo die Zuschauer Ella vorwerfen, den Muffin nachher gar nicht zu essen, weil sie ja (angeblich) keine Milch verträgt.
    Als „öffentliche“ Person (und das sind wir ja eigentlich alle, wenn wir uns ab und zu vor die Tür wagen ^^) sind wir einfach nicht vor kritischen Worten sicher.
    Ich glaube es liegt auch sehr an der (europäischen?) Erziehung, dass wir darauf getrimmt sind, etwas negatives zu finden. „Oh, schau was hat der denn da an? Was hat die denn für komische pinke Haare?“. Wenn jemand das Studium abbricht, heißt es „wie soll der denn jetzt sein Geld verdienen und sein Leben finanzieren“ statt „oh cool, vielleicht findet er jetzt etwas das ihm viel mehr Spaß macht“. Und ich hasse es jedes Mal, wenn ich mich selbst bei solchen Gedanken ertappe, aber ich versuche sie zu ändern :).

    • Reply Julia Vogel 14. August 2017 at 8:41

      Ich finde es toll, dass du so reflektiert bist und versuchst, deine Gedanken immer umzupolen und in eine positive Richtung zu ändern. Das versuche ich auf jeden Fall auch immer, weil ich es schrecklich finde, wie judgemental viele Leute sind 🙂

  • Reply Sandra Slusna 17. Juli 2017 at 16:36

    Danke für diesen tollen Beitrag liebe Jules, soo schöne und wahre Worte und perfekt geschrieben, ich gebe dir im allen sooo recht!!! <3 Ich finde auch, dass man ruhig seine Meinung sagen kann, aber trotzdem muss das nicht sein. Wir alle tun es, ganz sicher, aber manchmal kann man sich das einfach sparen. Ich verstehe es immer nicht, warum sich Leute nicht über ihr eigenes Leben kümmern können und andere immer nur kritisieren und eben urteilen. Aber das kann man leider nicht ändern, das können nur die Leute selber ändern.
    Ich denke auch immer darüber nach, was ich tue und sage, damit ich mit mir selber auch ohne schlechte Gewissen leben kann.
    Liebe Grüße,
    Sandra

    • Reply Julia Vogel 14. August 2017 at 8:43

      Du hast absolut recht, bei diesem Thema muss jeder bei sich selbst anfangen und seine Einstellung ändern! Und klar, seine Meinung soll man schon sagen können, aber nur dann, wenn es einen wirklich etwas angeht oder wenn man mit der Meinung wirklich etwas zum positiven verändern kann 🙂
      Liebe Grüße, Julia

  • Reply Anna 17. Juli 2017 at 23:22

    entspricht ungefähr meiner Einstellung, ist aber in einer Art und Weise in Worte gefasst, in der ich es nie könnte – wow!
    keep going, du bist tollll 🙂

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