Wie ich gelernt habe mich selbst zu akzeptieren

selbst zu akzeptieren

Heute kommt mal ein ganz spontaner Blogpost zu einem Thema, das in meinem Leben schon seit Monaten und Jahren sehr präsent ist: wie habe ich gelernt, mich selbst zu akzeptieren.

Auf Instagram habe ich euch gestern auf eine kleine Reise in meine Vergangenheit mitgenommen und euch gezeigt, wie ich mich über die Jahre verändert habe – innerlich sowie äußerlich.

Wie alles begann

Ich war als Kind niemals übergewichtig, hatte aber doch ein wenig Babyspeck und war, auch bedingt durch meine Körpergröße, immer eine der kräftigeren. Im Turnverein durfte ich mir von anderen Mädchen anhören, ich sei die Penne, sie die Spagetti. Meine beste Freundin zu Kindergartenzeiten war von Natur aus extrem schlank und so sehr meine Mama und mein Papa mir versuchten zu vermitteln, dass jeder anders und jeder schön ist – der Wunsch, genauso dünn zu sein, war immer da. Dann kamen die Teenagerjahre und mit ihnen auch das Vorhaben, ein wenig abzunehmen. Ich hatte Phasen, in denen ich super sportlich war, Laufen ging und versuchte, mich gesund zu ernähren, dann aber auch wieder welche, in denen ich dachte, sportlich zu sein wäre uncool (schließlich war ja Bella bei twilight auch unsportlich!) Es war ein ständiges auf- und ab und obwohl ich nie ganz zufrieden war, konnte ich gut mit mir leben. Mit 15/16 verbrachte ich dann ein halbes Jahr in den USA, wo ich, wie wahrscheinlich 99% der Austauschschüler*innen, einige Kilos zunahm. Die Gewichtszunahme schlich so langsam ein, trotz Sport und dem Versuch, immer so wenig wie möglich zu essen (ja, vielleicht auch genau deshalb). Als ich zurückkam, hatte ich plötzlich 10kg mehr auf den Rippen und war ein wenig verzweifelt. Der dominierende Gedanke war: „Oh Gott, wie dick finden mich andere wohl nun?“ Ich wollte etwas ändern, startete mit Instagram, begann, 5 Mal pro Woche zu Hause und draußen Sport zu machen und stellte meine Ernährung komplett um. Meine Hauptmotivation: ich wollte, dass die Menschen in meinem Umfeld, speziell mein Exfreund, denken: wow, dünn ist sie geworden. Long Story Short: Der Sport wurde immer mehr, die Kalorien immer weniger und ich verlor immer mehr die Kontrolle. Nach monatelanger Disziplin hatte ich 18 kg abgenommen und ein völlig falsches Bild von mir entwickelt. Ich fand meine Hüfte zu breit, meine Beine zu dick, meine Arme zu wenig definiert. Ich wollte weiter abnehmen, dünner werden, immer die schlankste Person im Raum sein. Jeder hat sich Sorgen um mich gemacht und mich auf meine extreme Abnahme angesprochen, selbst meine Sportlehrerin. Ich konnte nicht sehen, dass ich ein Problem hatte und nur in wenigen Momenten habe ich Einsicht gezeigt.

selbst zu akzeptieren

Wie ich dem Wahnsinn entkommen bin

Durch mein Pillenchaos habe ich in kurzer Zeit ein paar Kilo zugenommen, was wohl auch daran lag, dass mein Körper dringend wieder zu einem für mich gesunden Gewicht kommen wollte. Zur selben Zeit habe ich begonnen, mich mit intuitivem Essen auseinanderzusetzen und habe mich in vielen Schemata wiedererkannt. Ich habe mir so oft vorgenommen, mich nun intuitiv zu ernähren und mich selbst zu akzeptieren, aber das Ganze ist natürlich ein langer und mühsamer Prozess. Was mir persönlich geholfen hat war das Ausbrechen aus meiner Routine: dazu zähle ich sowohl meinen Umzug in eine eigene Wohnung in Wien, als auch jede einzelne Reise, die ich in den letzten 4 Jahren unternommen habe. Auf den Reisen war ich gezwungen, auswärts zu essen, konnte nicht alles penibel durchplanen und habe auch mal auf Sport verzichtet. Mit jeder Reise habe ich ein winziges Stück Lebensqualität dazugekommen und bin aus dem Teufelskreis ausgebrochen. Die Veränderung passiert im Kopf und hatte bei mir viel damit zu tun, wie ich mich selbst sehe.

Die größte Veränderung kam wohl, als ich mich gefragt habe: für wen mache ich das alles? Warum ist es mir wichtig, schlanker, als Person XY zu sein? Warum kümmert es mich, welches Bild andere von mir haben? Ich habe realisiert, dass es schlichtweg keinen Sinn ergibt, mein Leben nach den Meinungen und Präferenzen anderer Menschen auszurichten. Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung von Schönheit und ob ich dem entspreche oder nicht, sagt absolut nichts über meinen Selbstwert aus. Die Schönheitsideale variieren von Land zu Land, von Kulturkreis zu Kulturkreis und auch von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Und jetzt mal Hand aufs Herz: Wie sehr achtest du persönlich bei anderen auf die Figur? Wie nimmst du die Schönheit, die Ausstrahlung anderer wahr? Wie viel davon hat wirklich mit den Äußerlichkeiten zu tun? Ich für meinen Teil kann sagen: ich kenne so viele fabelhafte und wunderschöne Menschen und sie könnten alle nicht unterschiedlicher sein. Ich finde meine Freunde und Freundinnen schön – weil sie einzigartig sind, ein Strahlen in den Augen haben, Geschichten auf ihre Weise erzählen, mich zum Lachen bringen, mein Leben bereichern und weil ich mit ihnen gemeinsam Erinnerungen sammle. Ich würde niemals auf die Idee kommen, schlecht über ihr Äußeres zu reden oder einzelne Züge mit dem gängigen Ideal zu vergleichen. Warum ich das bei mir selbst so lange getan habe? Ich weiß es nicht! Ich kann euch nicht sagen, warum wir uns selbst nicht so gut behandeln wie unsere besten Freunde, warum wir nicht mehr Nachsicht haben und warum wir den Anspruch an uns stellen, perfekt zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass uns übertriebene Bescheidenheit anerzogen wird. Wer sich selbst lobt, seine eigenen Leistungen feiert und über sich sagt, dass er schön ist, der ist überheblich. Wer sich seiner positiven Eigenschaften bewusst ist, der ist ganz schön eingebildet. Unsere Gesellschaft hat es aus irgendeinem Grund geschafft, Selbstsicherheit und Selbstliebe im Kern zu ersticken. Wie traurig ist das?

Status Quo

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich zu 100% akzeptiert habe und niemals schlechte Tage habe. Es kommt immer noch vor, dass mir mein Kopf einen Streich spielt, ich das Gefühl habe, plötzlich zugenommen zu haben und meine Figur über fast alle anderen Dinge stelle. An solchen Tagen versuche ich einfach, dem Ganzen keinen Raum zu geben – ich beobachte mich nicht im Spiegel, sondern mache Dinge, die mir gut tun und mich ablenken, ich rede darüber und sage mir selbst, dass alles wie immer ist und der Tag vorbeigehen wird. Ich mache Sport, gehe mit Freunden essen oder auf einen Kaffee, trage Kleidung, die mir schmeichelt oder tanze durch die Wohnung. Außerdem bin ich vielen Accounts auf Instagram entfolgt, die mir aus irgendeinem Grund ein schlechtes Gefühl gegeben haben und habe Personen hinzugefügt, die Glück, Zufriedenheit und ein positives, realistisches Körperbild ausstrahlen. Dieser Vorgang ist etwas sehr individuelles, das sehr viel Reflexion und Ehrlichkeit erfordert. Mein Motto hier lautet: know your trigger points! In den wenigsten Fällen vermitteln die Menschen, die mir nicht gut tun, etwas schlechtes – sie lösen nur in mir etwas Negatives aus.

Ich lebe mittlerweile so, dass ich mich zu jedem Zeitpunkt gesund, glücklich, fit und energiegeladen fühle. Ich mache immer noch viel Sport, ernähre mich sehr bewusst, habe aber einen komplett anderen Zugang zu meinem Körper, meiner Ernährung und meinem Training. Ich möchte stark und fit sein, möchte mit einem Strahlen durch die Welt gehen und mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Ich möchte keine kostbare Sekunde meines Lebens mehr damit verschwenden, irren Schönheitsidealen nachzulaufen und möchte keinen Lebenstil mehr pflegen, der sich absolut unnatürlich und zwanghaft anfühlt. Wenn ich für eine Figur mehr Sport machen muss, als ich möchte und nicht auf mein Hungergefühl hören darf, dann ist es schlichtweg nicht die richtige für mich. Unser Körper macht einen großartigen Job und tut alles, um uns gesund zu halten. Unsere Beine, egal ob dick oder dünn, tragen uns durch den Alltag und durch jedes Abenteuer. Unsere Arme und Hände lassen uns Dinge fühlen, Menschen umarmen und Hände von unseren Liebsten halten. Unser Bauch kribbelt, wenn wir verliebt sind – und dabei ist es ganz egal, wie sichtbar unsere Bauchmuskeln sind. Verdammt noch mal: wir LEBEN in diesem wundervollen Körper! Er ist keine Deko, kein perfekt geschliffenes Kunstwerk. Er ist unser Instrument, unsere Lebensgrundlage, unser Zuhause.

2 Comments

  • Reply Lara 19. Mai 2019 at 20:51

    … ich musste gerade ein bisschen mit den Tränen kämpfen, als ich das gelesen habe. Zum einen, weil ich bin, wie du warst – ein wenig verworren und zwanghaft, was mein Körperbild bei MIR (tatsächlich niemals bei anderen) angeht, aber mit dem Wunsch, das zu ändern.
    Und zum anderen, weil ich vielleicht genau deswegen den letzten Abschnitt so wunderschön fand. Du hast vollkommen recht, mit jedem Wort. Danke für diesen schönen Blogpost. ❤️

  • Reply Alicia Güther 21. Mai 2019 at 8:01

    Hallo liebe Jules,
    ich danke dir sehr für diesen Beitrag! 🙂 Ich finde es so großartig, dass Frauen wie du, die in der Öffentlichkeit stehen, diese Themen ansprechen. Man merkt, wie sehr du bei dir angekommen bist und das ist unglaublich schön. Danke dir fürs teilen dieser persönlichen Geschichte. Fühl dich gedrückt! 🙂
    Alicia

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